Realität oder Verfolgungswahn: Sind unsere Handys zu Spionen geworden?

2 min
 
Tags: Handy Spionen Mikro-Sensoren smartphone daten Apps Bewegungsprofile Algorithmus Nutzerverhalten Manipulation

Wann fährt der nächste Bus? Welches Restaurant hat die beste Pizza? Brauche ich einen Regenschirm, wenn ich das Haus verlasse? Der Sprachassistent des Smartphones kennt die Antworten. Handys sind für die meisten Menschen unverzichtbare Begleiter im Alltag.

Doch was als vermeintlich nützlicher Helfer daherkommt, hat auch eine dunkle Seite. Unermüdlich sammeln Smartphones Daten und Informationen, verknüpfen sie und setzen sie, wie in einem Puzzlespiel, zu einem Gesamtbild zusammen.

Mikro-Sensoren: Augen, Ohren und Tastsinn der Smartphones

Wie komplex Smartphones der neuesten Generation aufgebaut sind, zeigt sich allein an der Tatsache, dass rund 20 Mikro-Sensoren in den Alltagsbegleitern verbaut sind. Den Touchscreen als grössten Sensor kennt jeder Nutzer. Hinzu kommen Sensoren wie ein Barometer, ein Hallsensor, Umgebungslichtsensoren, Fingerabdrucksensoren und ein Gyroskop. Letzteres kommt zum Einsatz, um die Lage im Raum zu bestimmen. Die automatische Umschaltung auf Hoch- oder Querformat wäre ohne diesen Sensor nicht möglich.

Wie viele Daten die Nutzer eines Smartphones freiwillig preisgeben, wird deutlich, wenn man sich mit der Funktionsweise der integrierten Kameras beschäftigt, die auf eine leistungsfähige Gesichtserkennungssoftware zugreifen. Nutzer profitieren laut Herstellerangaben von einer Erleichterung, da das Handy auf diese Weise kontaktlos entsperrt werden kann. Dass gleichzeitig eine dreidimensionale Darstellung des Gesichts erstellt und abgespeichert wird, erfahren sie hingegen nicht. Auch nicht, ob diese Daten an zentraler Stelle erfasst und ausgewertet werden.

Apps: Das Einfallstor für Spione

Das Einfallstor für Spione schlechthin sind Apps. Kaum ein Nutzer macht sich die Mühe, nach jeder Installation einer neuen App die Kamera-, Ortungs-, Mikrofon- und Bildzugriffsfunktion zu deaktivieren. Die Betreiber reiben sich die Hände, denn auf diese Weise ist es kinderleicht, Daten abzugreifen und mithilfe eines Algorithmus Verhaltens- und Bewegungsprofile zu erstellen.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Familienvater steigt morgens in das Auto und das Handy-Navigationsgerät weiss mit ziemlicher Sicherheit, dass die Fahrt zum Arbeitsplatz geht. Das Navi weiss auch, wann der voraussichtliche Zeitpunkt der Ankunft ist, welche Verzögerungen zu erwarten sind und welche Route sich eignet, um einem Stau auszuweichen. Über die Menge an persönlichen Daten, die erforderlich ist, um solche Prozesse in Gang zu setzen, machen sich die wenigsten Nutzer Gedanken.

Manipulation des Nutzerverhaltens

Während die Betreiber mancher Apps ausdrücklich betonen, dass keine Übertragung von Daten an Unternehmen wie Apple oder Google erfolgt, ist der Nutzer bei vielen kommerziellen Apps in der sogenannten Holschuld. Das bedeutet: In den – ohnehin selten gelesenen – Nutzungsbedingungen muss die Erlaubnis zur Datenweiterverarbeitung deaktiviert werden. Macht kaum einer.

Wohin diese Leichtsinnigkeit führen kann, zeigt sich am Beispiel des Handyspiels „Pokémon Go“. Zahlreiche Verstecke der kleinen Monster waren keineswegs zufällig gewählt, sondern waren Inserate, die nicht einmal aufwendig getarnt waren. Was folgte, war eine klassische Manipulation des Nutzerverhaltens, denn die Spieler wurden aktiv gelenkt und, ohne es selbst zu ahnen, in ihrem Verhalten beeinflusst.

Ziel der Spionage: Daten abgreifen

Daten sind die „Währung des 21. Jahrhunderts“. Sie werden benutzt, um zielgerichtet Werbung auszuspielen und das Verhalten der Nutzer auf die eine oder andere Weise zu beeinflussen. Das Handy spielt in diesem Kontext eine zentrale Rolle. Es erkennt den Pulsschlag, das Sprachtempo und den Druck, den wir beim Berühren des Touchscreens ausüben. Das Handy weiss, wonach wir online suchen, welche Sneaker wir bestellt haben, wann die Personen aus unserer Kontaktliste Geburtstag haben und wann morgens der Wecker klingelt. Mithilfe dieser Datenpakete können komplette Benutzerprofile erstellt werden.

Last but not least: Die Sprachassistenten

Hightech-Unternehmen wie Google, Amazon, Microsoft und Apple haben in der Vergangenheit oft beteuert, dass die Nutzer nicht abgehört werden, wenn sich der virtuelle Assistent im Stand-by-Modus befindet. Da die Spracheingabe jedoch dauerhaft eingeschaltet ist, sofern die Funktion nicht deaktiviert wurde, sind Siri, Alexa, Cortana und Co. theoretisch ständig auf Lauschposten. Zurück bleibt ein mulmiges Gefühl bei der Vorstellung, dass intime Geheimnisse eventuell das von einem Superrechner erstellte Nutzerprofil vervollständigen.